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L.A. Crash



Land: USA
Laufzeit: 113 Minuten
FSK: 12
Starttermin: 4. August 2005

Genre: Drama

Regie: Paul Haggis
Drehbuch: Paul Haggis, Robert Moresco
Darsteller: Don Cheadle, Matt Dillon, Michael Pena, Brendan Fraser, Ryan Phillippe, Thandie Newton, Terrence Dashon Howard, Chris "Ludacris" Bridges, Sandra Bullock, Jennifer Esposito, Larenz Tate, Shaun Toub, William Fichtner, Nona Gaye, Loretta Devine, Beverly Todd, Keith David
Kamera: Jim Michael Muro
Schnitt: Hughes Winborne
Musik: Mark Isham








"Es ist das Gefühl, berührt zu werden. In jeder anderen Stadt läufst du lang und stößt mit anderen Menschen zusammen. In L.A. berührt dich niemand. Wir sind immer hinter Metall und Glas. Ich glaube, wir vermissen es so sehr, berührt zu werden, dass wir absichtlich zusammen stoßen. Nur, damit wir etwas fühlen können." So oder so ähnlich beginnt "L.A. Crash", das Kino-Debüt eines gewissen Paul Haggis, Regisseur und Drehbuchautor zugleich. Wie sich unschwer erahnen lässt, spielt es in Los Angeles; einer Stadt, die geprägt ist von Rassismus, Vorurteilen und Angst. Im Blickpunkt des Geschehens stehen 36 Stunden und viele völlig unterschiedliche Menschen.

Beispielsweise Rick Cabot (Brendan Fraser), Generalstaatsanwalt von Los Angeles und Opfer eines Überfalls. Geklaut wurde sein Auto von zwei Farbigen und egal, wie rum er es dreht - im bevorstehenden Wahlkampf kann sich das nicht gut auswirken. Seine Frau Jean (Sandra Bullock) hat anscheinend andere Probleme und ärgert sich lieber mit der Haushälterin herum. Da haben wir Daniel (Michael Pena), der das erste Mal in Erscheinung tritt, als er das Türschloss bei der Familie Cabot auswechselt und sich mit den übelsten Vorurteilen seitens Jean konfrontiert sieht (Er verhökere einen der Schlüssel an seine "Gefängnisfreunde" und die räumen dann die Bude leer). Doch schon bald wird dem Zuschauer klar, dass es sich um einen unheimlich liebevollen Vater einer 5-jährigen Tochter handelt. Auch Farhad (Shaun Toub), ein Iraner, der einen kleinen Laden führt, hat die Dienste von Daniel in Anspruch genommen und schon wieder muss sich dieser mit unzufriedener Kundschaft herumschlagen.

Wir lernen Polizisten kennen: Officer Ryan (Matt Dillon), dem der bedeutend jüngere Officer Hanson (Ryan Phillippe) rassistische Verhaltensweisen vorwürft, und der sich daheim um seinen kranken Vater kümmern muss. Auch Graham Walters (Don Cheadle) ist Polizist und auch er muss sich kümmern, allerdings um seine Mutter. Die sich vollkommen gehen lässt und sich immer wieder danach erkundet, ob Graham seinen Bruder aufgespürt hat. Und wir lernen Cameron (Terrence Dashon Howard) kennen, einen farbigen Regisseur, der gemeinsam mit seiner Freundin unliebsame Bekanntschaft mit Cops gemacht hat. Seine Frau ist davon besonders betroffen und wirft ihm vor, nichts unternommen zu haben. Zu guter letzt sollten Anthony (Ludacris) und Peter (Larenz Tate) erwähnt werden, die sich anfangs über die bevorzugte Behandlung von Weißen beschweren und darüber, dass Schwarze überall mit Vorurteilen konfrontiert werden.

Diese grobe Inhaltsangabe ist aus zwei guten Gründen lückenhaft: Erstens nimmt es schon zwei Absätze in Anspruch, um diese zehn Charaktere - wohlgemerkt nur die Allerwichtigsten - vorzustellen, und zweitens handelt es sich bei "L.A. Crash" um einen Film, der davon lebt, wie sich die Charaktere im Verlauf kurzer Zeit entwickeln oder als was sie sich - entgegen der Erwartungen des Zuschauers - in Wahrheit entpuppen. Selbst die Vorgänge in den ersten Filmminuten zu verraten, erscheint mir deswegen unpassend. Glücklicherweise ist es einige Wochen her gewesen, als ich die Inhaltsangabe gelesen habe, und so wurde auch ich immer wieder überrascht von den Wendungen, die sich im Filmverlauf vollziehen. Einzig mein ewig raschelnder, schwer atmender, futternder und dann auch noch überlaut hustender rechter Sitznachbar wollte mir den Filmgenuss einfach nicht gönnenů

Über den Film möchte ich aus eben genanntem Grund auch nur das Allernötigste loswerden. In erster Linie ist "L.A. Crash" ein sehr intelligentes Drama. Die Dialoge sitzen, die Charaktere wirken authentisch und auch das Aufeinandertreffen aller möglichen Kulturen wird dem Zuschauer mehr als faszinierend übermittelt. Die musikalische Untermalung wirkt mit Ausnahme eines zu Opernhaften Stückes passend und an der Inszenierung des Ganzen lässt sich ja sowieso nichts aussetzen. Auch wenn der Einsatz von Zeitlupen und bestimmten Kamerafahrten wohl als keineswegs neu bezeichnet werden kann, wirkt das alles einfach unglaublich routiniert. Wie gesagt - Paul Haggis ist Kino-Debütant. Alle Achtung!

Was diesen Film wirklich auszeichnet, neben den Gefühlen und Emotionen, die glaubhaft vermittelt werden können, sind immer wieder gewisse Einzelszenen, die den Film zwischenzeitlich auf ein sensationelles Niveau heben. Um mal ein Beispiel zu nennen: Daniel ist mit seiner 5-jährigen Tochter in eine andere Gegend gezogen, um Waffengewalt oder Ähnlichem aus dem Weg zu gehen, doch trotzdem kam kürzlich eine Kugel durch eine Fensterscheibe geflogen. Während die Tochter unter ihrem Bett liegt und sich Daniel daneben legt - was so schon unheimlich süß wirkt - erzählt er ihr von einer Fee, die ihn besucht und ihm einen unsichtbaren Umhang hinterlassen habe, der ihn vor Kugeln beschützt. Da sie nun fünf Jahre alt ist, sei es an der Zeit, dass sie diesen Umhang erhält. Gerade weil Daniels Tochter so süß ist und er wenige Momente zuvor mit den Vorurteilen Jeans konfrontiert wurde, geht von dieser Szene so eine immense Wirkung aus.

Mich persönlich haben auch zwei andere Momente unglaublich stark bewegt, deren Wirkung ich aber einfach nicht schildern kann, ohne inhaltliche Details zu verraten. Wer sich also den vollkommenen Genuss erhalten möchte, sollte gleich in den übernächsten Absatz springen. Szene 1: Der Cop Ryan hat bei Regisseur Cameron und seiner Freundin Christine (Thandie Newton) eine Kontrolle durchgeführt und sie dabei sexuell belästigt, in dem Wissen, dass er davon kommt, weil die Beiden selbst eine kleine Gesetzwidrigkeit begangen haben. Am Tag darauf trifft Ryan an einer Unfallstelle ein: Ein Auto hat sich überschlagen, Benzin läuft aus. Darin sitzt Christine. Als sie Ryan erkennt, wird sie hysterisch, doch der ist ihre einzige Chance. Vertrauen soll sie ihm. Plötzlich fängt das Auto Feuer, ist kurz davor zu explodieren. Ein Kollege zieht Ryan aus dem Auto, es gelingt ihm nicht, Christine mit sich zu ziehen. Doch Ryan, besonders in dieser Szene unfassbar brillant dargestellt von Matt Dillon, kämpft sich erneut zurück ins Auto und zieht Christine heraus. Sekunden später explodiert das Auto. Musik und der Zeitlupeneffekt machen diese Szene zur mit Abstand Emotionalsten des Films, vielleicht des bisherigen Kinojahres. Gott sei Dank belässt es Haggis dabei und kommt nicht auf die Idee, Christine "Danke" sagen zu lassen oder Ähnliches. Das hätte dieser Szene wieder ihre Kraft genommen.

Szene 2 etwas kürzer gefasst: Daniel wird von einem Mann mit Waffe bedroht. Seine Tochter wirft sich vor ihn, glaubt an ihren kugelsicheren Umhang, da drückt der Mann ab. Auch hier sind die Emotionen, die dadurch hervorgerufen werden, besonders bei Michael Pena, einfach sensationell echt. Doch seine Tochter lebt. Eine Schusswunde ist nicht sichtbar. "Ich habe dich beschützt, Daddy". Daniel glaubt an ein Wunder. Ob es wirklich eines wahr, wird der Zuschauer noch erfahren.

Allein diese beiden Szenen rechtfertigen den Kinogang. Sie sind einfach so wunderschön, weil die Menschen, die darin agieren, die größtmöglichen Emotionen zeigen. Weil Schauspieler darin keine Schauspieler mehr sind, sondern mit ihren Rollen verschmelzen. Besonders erwähnenswert sind aus meiner Sicht deshalb auch die beiden maßgeblich daran beteiligten Akteure - Matt Dillon, dem ich diese Leistung nicht zugetraut habe, und Michael Pena. Eine der hier gezeigten Leistungen muss ganz einfach mit einer Oscar-Nominierung belohnt werden. Erwähnenswert aus dem restlichen Cast sind vor allem Don Cheadle, Brendan Fraser, Terrence Dashon Howard und - auch das hat mich überrascht - Ryan Phillippe.

Von manchem Kritiker wird "L.A. Crash" schon als bester Film des Jahres gehandelt, in der Internet Movie Data Base (Imdb) steht er bereits in den Top100 - soll heißen: Auch beim Publikum kommt er klasse an. Alles schön und gut, doch leider hat der Film einen großen Haken: Ihm fehlt ein größerer Sinn. Die Schicksale, die er zeigt, haben allesamt Klasse und werden teilweise erstaunlich gut miteinander in Einklang gebracht, doch leider vermag Haggis kein Ende abzuliefern, das eine zufrieden stellende Botschaft darstellt. So fühlt sich "L.A. Crash" also an, als ob man einen Tag am Leben verschiedener, unterschiedlicher Menschen teilgenommen hätte, aber nicht so, als ob man wirklich viel daraus lernen oder ein Fazit für sich selbst ziehen könnte. Seinen Höhepunkt hat das Drama in den von mir angeführten Szenen, danach hätte es beendet sein können und dieses besondere Gefühl hätte sich vielleicht eingestellt. Doch auch die anderen Charaktere bekommen ihren Abschluss und der weiß weit weniger zu überzeugen. Trotz alledem muss es Haggis hoch angerechnet werden, dass es ihm gelingt, in weniger als zwei Stunden Laufzeit so viele Schicksale unter einen Hut zu bringen und jedem seinen gewissen Platz einzuräumen.

Am Ehesten ließe sich "L.A. Crash" wohl mit "Magnolia" vergleichen. Es bekommt von mir die gleiche Wertung und auch Stärken und Schwächen sind nahezu identisch: auf der einen Seite starke Emotionen (besonders bei "L.A. Crash") und Darsteller (besonders bei "Magnolia"), auf der anderen Seite die Tatsache, dass beide Filme nicht zu einem zufrieden stellenden Ende finden. Eine weitere Parallele findet sich schließlich noch darin, dass etwas aus dem Himmel herabkommt. Wer nicht wissen möchte, was gemeint ist, sollte hier aufhören, zu lesen. Wer doch: Bei "Magnolia" sind es die Kröten, bei "L.A. Crash" ist es Schnee. In Los Angeles. Dort, wo es laut Aufzeichnungen das letzte Mal am 8. Februar 1989 geschneit hat.



Note: 2+



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