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Magnolia



Land: USA
Laufzeit: 193 Minuten
FSK: 12
Starttermin: 13. April 2000

Genre: Drama

Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
Darsteller: Julianne Moore, Tom Cruise, John C. Reilly, Melora Walters, William H. Macy, Jason Robards Jr., Philip Seymour Hoffman, Jeremy Blackman, Michael Bowen, Philip Baker Hall, Melinda Dillon, Emmanuel Johnson, Luis Guzmán, Henry Gibson, April Grace, Ricky Jay, Alfred Molina, Ezra Buzzington
Kamera: Robert Elswit
Schnitt: Dylan Tichenor
Musik: Jon Brion








Eines ist "Magnolia" ganz sicher nicht: ein gewöhnliches Drama. Das Drei-Stunden-Werk erzählt Episoden aus dem Leben verschiedener Personen, allerdings nur bruchstückhaft. Ein wirklicher Beginn existiert nicht, ein richtiges Ende? Fehlanzeige. Der Film fordert die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Zuschauers. Ist er dazu bereit, erwartet ihn dreistündige Unterhaltung auf gutem Niveau. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Da hätten wir Earl Partridge (Jason Robards), einen alten Mann, der im Sterben liegt und seinem Pfleger Phil Pharma (Philip Seymor Hoffman) nun seine Sünden beichtet, die sich größtenteils darauf beziehen, seine Frau betrogen zu haben. Seine selbstmordgefährdete Frau Linda (Julianne Moore) tat es ihm jedoch gleich. Doch jetzt, in den letzten Momenten seines Lebens, erkennt sie ihre Liebe zu ihm. Doch Earl hat noch einen letzten Wunsch, noch einmal seinen Sohn zu sehen. Frank Mackey (Tom Cruise), eben dieser, leitet unterdessen eine Show für Männer, deren Motto "Respektiert den Schwanz und zähmt die Fotze" lautet. Das sollte eigentlich alles sagenů Sein ganzes Leben ist eine riesige Show, doch als er bei einem Interview als Lügner hingestellt wird, gerät sein Leben in einer Scheinwelt plötzlich aus den Fugen. Hinzu kommt die Nachricht vom bevorstehenden Tod seines Vaters, den er so sehr hasst.

Weitere Dramen spielen sich in einer von Earl produzierten Quiz-Show ab, in der hochintelligente Kinder gegen Erwachsene antreten. Stanley Spector (Jeremy Blackman) gehört zu diesen stark überdurchschnittlich begabten Kindern. Stanley scheint allwissend, entscheidet jede Show im Alleingang, doch als ihm eines Tages der Toilettengang während der Show verweigert wird, beginnt er zu rebellieren. Gegen die Verantwortung, immer alles allein meistern zu müssen, aber auch gegen seinen überehrgeizigen Vater (Michael Bowen), den es in diesem Augenblick vollkommen aus der Bahn wirft. Doch auch der an Krebs erkrankte Show-Master Jimmy Gator (Philip Baker Hall), dem nur noch zwei Monate seines Lebens bleiben, sieht sich mit einer Situation konfrontiert, der er einfach nicht gewachsen ist. Jimmy bricht zusammen, gerät völlig aus dem Konzept, muss sich dem Jungen geschlagen geben, weil er keine Widerworte mehr findet. Auch seinem Gewissen muss er sich geschlagen geben und gesteht seiner Frau (Melinda Dillon) seine Untreue.

Claudia (Melora Walters), die Tochter Jimmys, ist eine drogensüchtige Frau, die ihren Vater ankeift, rausschmeißt und in Tränen ausbricht. Der Grund dafür offenbart sich erst im späteren Filmverlauf. Die achte Person im Bunde, auf die in "Magnolia" stärker eingegangen wird, ist Officer Jim Kurring (John C. Reilly), ein absolut gesetzestreuer Mann, der jeden Tag in seiner Wohnung ein kleines Gebet abhält. Aufgrund einer Meldung wegen Ruhestörung schaut er bei Claudia vorbei, normale Routine, doch dann erkennt er, dass es ein Fehler wäre, einfach wieder zu gehen und verabredet sich mit ihr. Zu guter letzt wäre da noch Donnie Smith (William H. Macy), als Kind ein Genie wie Stanley, führt nun ein Leben am Abgrund. Er scheint jeden Sinn für die Realität verloren zu haben und verliert nun auch noch seinen Job. Das ist zu viel für den bemitleidenswerten Mann.

Es ist bereits zu erahnen: Bis man sich vollends in diesem Personenwirrwarr zu recht findet, kann gut eine Stunde vergehen. Natürlich nimmt die Einführung einer so großen Anzahl an an der Handlung beteiligten Charakteren eine gewisse Zeit in Anspruch. Und auch das Aufzeigen der Probleme, welche sie bewältigen müssen, ist nicht innerhalb weniger Minuten erledigt. Des Weiteren umgibt den Film ein Rahmen, der ihm wohl eine größere Bedeutung verleihen soll. Der Zusammenhang, der letztendlich hergestellt wird, schafft es aber nicht wirklich, überzeugend dargestellt zu werden.

Mit der Auswahl der Situationen, in die Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson seine Charaktere steckt, ist er gewiss kein großes Risiko eingegangen. Diese Probleme wurden in zig Filmen zuvor bereits abgehandelt, auch wenn sie in dieser Zusammenstellung innerhalb eines Films sicherlich einmalig sind. Das Problem liegt nun darin, dass man den ganzen Film über auf ein zumindest winziges Highlight wartet, jedoch vergebens. Anderson zeigt seine Figuren in ihren misslichen Lagen, zeigt ihr Leiden, aber auch ihre Glückseeligkeit, aber für einen Film dieser Länge geschieht insgesamt einfach zu wenig. Zumal gelingt es einfach nicht, den Zuschauer wirklich über eine etwas längere Dauer zu fesseln. Nach höchstens ein paar Minuten flacht das Geschehen ab, weil Anderson den Schauplatz wechselt. Natürlich enthält der Film bewegende Szenen, zum Beispiel wenn Frank bloß gestellt wird, dass er sein ganzes Leben als eine einzige Lüge gestaltet hat, oder wenn Linda in einer Apotheke ausrastet und die Angestellten aufs Übelste beschimpft, dass sie überhaupt keine Achtung vor dem Menschen und der Situation, in der er steckt, besitzen. Doch um es noch einmal zu erwähnen: Direkt im Anschluss an solche Szenen versucht es Anderson gar nicht erst, die Spannung aufrecht zu erhalten, sondern wechselt in eine entspannte Szenerie. Das Hoffen, dass er sich dies alles für ein großes Finale bewahrt, sollte man sofort unterlassen, sonst wird man bitter enttäuscht, auch wenn er einen fetten Knaller, was in dem Falle wörtlich zu nehmen ist, auf Lager hat.

Zu punkten vermag der Film hingegen durch seine schier perfekte Stilistik. Eine fast stetige Musikuntermalung begleitet den Film und passt sich zum einen den Situationen an und sorgt zum anderen für hervorragende Übergänge von einer Szene zur Nächsten. Auch die Kamera begleitet die Personen nicht nur, sondern versetzt sich in das Geschehen hinein. Ein perfektes Beispiel hierfür ist die Szene, in der Jim bei Claudia zu Besuch ist und ihr ständig abwechselnd in die Küche oder das Wohnzimmer hinterherläuft, die Kamera dabei jedoch unverändert ihren Blick auf die Küche wirft. Allein dadurch gelingt es bereits, der Situation eine stärkere Aussagekraft zu verleihen.

Sein echtes Highlight jedoch zeigt "Magnolia" weder in der Auswahl seiner Episoden, noch in den an sich schon ausgezeichneten stilistischen Elementen: Ohne eine Ansammlung dermaßen begabter Schauspieler würde das potentielle Meisterwerk zu einem einzigen Trauerspiel verkommen, und das nicht nur hinsichtlich seines Genres. Es ist wohl unmöglich, eine(n) Schauspieler(in) zu loben, ohne etwa fünf andere im gleichen Atemzug zu nennen. Nicht einmal den Versuch wäre es wert. Julianne Moore? In ihren Wutausbrüchen liegen ihre überragenden Momente. Die eben angesprochene Szene in der Apotheke kann unmöglich jemanden kalt lassen. Tom Cruise? Für seine Leistungen in einigen anderen Filmen kann man ihn kritisieren, akzeptiert. Doch was Cruise in diesem Film leistet, ist mit Worten kaum noch zu beschreiben. Sowohl den Sex-Guru, als auch den gebrochenen Mann spielt er in einer Genialität, die keiner weiteren Worte bedarf.

John C. Reilly und Melora Walters geben zudem ein unschlagbares Duo ab. Sie wirken so süß in ihren gemeinsamen Szenen, verleihen dem Film dadurch ein ganz anderes Gesicht. Doch auch ohne den anderen fungiert insbesondere Reilly als Sympathieträger mit vielen positiven Eigenschaften, wobei Walters hingegen durch ihre Darstellung der psychisch geschädigten Claudia überzeugt. Ein letzter, unbedingt erwähnenswerter, grandioser Darsteller trägt den Namen William H. Macy. Im Gegensatz zu den meisten anderen Charakteren, steht ihm kein anderer starker Darsteller zur Seite und so gelingt es ihm im Alleingang, die tiefen Abgründe seines Charakters zu offenbaren.

Wenn man also versucht, "Magnolia" zu bewerten, muss man hauptsächlich drei Faktoren gegenüberstellen. Es handelt sich hierbei um einen intelligent aufgebauten und inszenierten Film, der viele kleinere, wobei doch eher größere, Dramen beinhaltet und diese generell überzeugend und durchaus bewegend darstellt. Aufgrund seiner gewaltigen Laufzeit mangelt es ihm jedoch ganz klar an kleinen, als auch großen Highlights. Oder einer klaren Botschaft. Irgendetwas, was dem Film eine größere Bedeutung verleiht. Die Erzählung erfolgt einfach zu linear, das Warten auf eine sensationelle Wende bleibt vergebens. Sicherlich stände dies ein wenig im Widerspruch zum eher ruhigen Erzählstil, für ein Drama hätte es ein bisschen mehr Aufregung aber schon sein dürfen. Aufgrund seiner überdurchschnittlich guten Darsteller und einem feinen Gespür für den richtigen Einsatz von Musik und Kamera fühlt man sich trotz des angesprochenen Kritikpunkts bestens unterhalten. Aufgrund der recht großen Auswahl an einzelnen Dramen, die sich im Verlauf des Films abspielen, findet sicherlich jeder eine Geschichte, die ihn persönlich zutiefst bewegt, was natürlich auch vom persönlichen Geschmack der Schauspieler abhängt. Zeit nehmen, anschauen, aber bitte nicht zu viel erwarten.



Note: 2+



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